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27.01.2004 - »Wir leben trotzdem!« Zum Auschwitz-Tag
Geschrieben von: 23
Kategorie: Faschismus und Rassismus

»Wir leben trotzdem!«
Zum Auschwitz-Tag  Esther Bejarano hat in der Hölle des Lagers ihren Mut nicht verloren

Auschwitz wurde zum Synonym für die fabrikmäßige Vernichtung menschlichen Lebens. Der Tag der Befreiung des Lager am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee ist seit einigen Jahren Gedenktag in der Bundesrepublik Deutschland. Die Hamburgerin Esther Bejarano, seit 1986 Vorsitzende des nationalen Auschwitz-Komitees, hat das KZ im deutsch-besetzten Polen durchlitten.
Fünf Zahlen wurden der 18-jährigen Jüdin 1943 in Auschwitz in den Arm geritzt: 41948. Von da an war sie nicht mehr Esther Loewy, sondern nur noch eine Nummer. Wie diese Zahlen sich damals unauslöschlich in ihre Haut brannten, so auch die Erinnerungen an die Hölle von Auschwitz in ihr Gedächtnis. Die qualvolle Zeit im Vernichtungslager und der Verlust nahezu ihrer ganzen Familie überschatten ihr Leben. Doch Esther Bejarano, wie die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees seit ihrer Heirat mit Nissim Ende der vierziger Jahre heißt, ließ sich nie unterkriegen. Selbst als Zwangsarbeiterin im KZ Ravensbrück verlor sie ihren Optimismus nicht: »Ich warte schon auf den Tag, an dem ich wieder bei Euch sein kann«, schrieb sie damals Verwandten in einem Brief.
Esther Bejarano stehe für Mut und Bekenntnis zum Leben, sagen Bekannte und Weggefährten über sie. In der Tat, ihr Lebensmotto war und ist, egal wie die Zeiten sind: »Wir leben trotzdem!«
Wer ihr heute begegnet, trifft auf eine lebenslustige, aktive Frau mit viel Witz und Charme, die Musik, Geselligkeit, gute Gespräche und kulinarische Genüsse liebt.
Die Jugend wurde ihr gestohlen. Aber oder gerade deshalb erinnert sich Esther Bejarano gern und oft an ihre Eltern und ihre Kindheit in Saarbrücken. Als 16-Jährige habe sich ihre Mutter Margarethe Heymann in ihren vier Jahre älteren Klavierlehrer Rudolf Loewy verliebt, erzählt sie. Die beiden heirateten 1916, mitten im Ersten Weltkrieg während eines Fronturlaubs des Soldaten Loewy. Der Kriegsdienst war Ehrensache für den glühenden Patrioten. Noch heute hat Esther Bejarano das Bild vor Augen, mit welchem Stolz ihr Vater Zeit seines Lebens seine Uniform säuberte. Doch dessen Vaterlandliebe sollte ihm nichts nützen: Zusammen mit seiner Frau wurde er von den Nazis am 25. November 1941 nach Riga deportiert, in einem Wald in der Nähe von Kowno erschossen und in einem Massengrab verscharrt.
Nesthäkchen Esther, am 15. Dezember 1924 als jüngstes von vier Geschwistern geboren, war ein echter Wildfang. Dauernd heckte sie irgendwelche Streiche aus und hielt mit ihren ständigen Verletzungen ihren Nachbarn, einen Arzt, auf Trab. 1933, als Hitler an die Macht kam, war sie gerade acht Jahre alt. Das Saarland gehörte damals nicht zum »Deutschen Reich«, doch 1935 stimmte die dortige Bevölkerung für die Angliederung. »Gleich nach der Integration des Saarlandes bekamen wir zu spüren, was es heißt, jüdisch zu sein in diesem faschistischen Deutschland«, resümiert Esther Bejarano. »Geschäftsleute wurden enteignet, und die wenigen, die diesem Schicksal entkamen, wurden mit Sonderabgaben belegt, so dass die jüdische Bevölkerung sehr schnell verarmte. Hinzu kam die soziale Ausgrenzung: Wir durften kein Fahrrad besitzen, kein Radio, nicht ins Café oder ins Theater gehen, wir wurden in den Städten in Ghettos zusammengepfercht. Später durften wir jüdischen Kinder nicht einmal mehr in christliche Schulen gehen. Mit der Begründung, dass es den christlichen Kindern nicht zuzumuten sei, mit uns auf einer Bank zu sitzen.«
1938  die Familie lebte inzwischen in Ulm  musste Esther miterleben, wie überall in Deutschland jüdische Geschäfte verwüstet und Synagogen in Brand gesteckt wurden. Ihr Vater und ihre ältere Schwester Ruth wurden entsetzlich gefoltert. »Die so genannte Reichskristallnacht war der Test, wie weit die Bevölkerung mitgehen würde mit dem Terror der Hitler-Faschisten gegen die jüdische Bevölkerung«, sagt sie über den 9. November 1938.
1941 wurde sie aus dem Palästina-Vorbereitungslager Ahrensdorf in das Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree verschleppt und 1942 von dort aus in einer nicht enden wollenden Fahrt in Viehwaggons ins KZ Auschwitz-Birkenau transportiert.
»ARBEIT MACHT FREI« stand dort über dem Tor in großen Lettern geschrieben. Esthers »Freiheit« bestand zunächst darin, auf einem Feld dicke Steine von einer Ecke zur anderen und wieder zurück zu schleppen  hin und her, tagein, tagaus. Später wurde sie in das »Mädchenorchester von Auschwitz« aufgenommen, dessen Aufgabe es war, morgens und abends den Zug der Arbeitskolonnen musikalisch zu begleiten. Außerdem mussten die Mädchen die Zugtransporte mit den ankommenden Häftlingen begrüßen. Damit sollte den »Neuen« ein Gefühl der Sicherheit vermittelt werden. Die Mädchen wussten genau, dass diese Menschen sofort ins Gas geschickt wurden. Doch hinter ihnen standen schwer bewaffnete SS-Schergen und man musste befürchten, auf der Stelle gnadenlos erschossen zu werden, sobald man aufhörte zu musizieren.
Esther hatte Glück im Unglück: Es gab ein Programm für »Halbjüdinnen«, die aussortiert und in andere KZ gesteckt wurden. Esther hatte eine christliche Großmutter, so dass sich ihr die Möglichkeit eröffnete, der Hölle von Auschwitz zu entrinnen. Sie beratschlagte sich mit ihren Mitinsassinnen und diese rieten ihr, die Chance wahrzunehmen. Sie solle versuchen, außerhalb des Lagers auf die furchtbare Situation der Häftlinge aufmerksam zu machen, gaben sie ihr mit auf den Weg.
So kam es, dass Esther in Ravensbrück Zwangsarbeit bei Siemens verrichtete. Bis das »Tausendjährige Reich« zusammenbrach und die Faschisten die Lagerinsassinnen auf Todesmarsch schickten. Gemeinsam mit sechs anderen jungen Frauen gelang Esther die Flucht. Wenig später, am 8. Mai 1945, trifft sie auf amerikanische und sowjetische Soldaten. »Dieser Tag ist einer der schönsten Tage in meinem Leben gewesen. Was wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können: Die amerikanischen und russischen Soldaten lagen sich lachend in den Armen.«
Nach dem Krieg ging sie nach Palästina, das damals unter britischem Mandat stand, denn ihre Schwester Tosca lebte dort. 1948 wurde dann auf palästinensischem Gebiet der Staat Israel gegründet. Esther machte eine Ausbildung zur Koloratursopranistin und schloss sich einem Arbeiterchor an. Dort lernte sie ihren späteren Mann Nissim Bejarano kennen. 1960 verließen die beiden mit ihren Kindern Israel. Nissim wollte keinen Militärdienst leisten und schon gar nicht noch einmal in den Krieg ziehen. Beide waren unzufrieden mit der Politik Israels. Wie viele Jüdinnen und Juden, die die Shoa überlebt hatten, waren sie für die Gründung eines Staates Israel. »Aber es war uns wichtig, mit der dort lebenden arabischen Bevölkerung einen gemeinsamen Staat aufzubauen, in dem niemand ausgegrenzt und schon gar nicht staatlich verfolgt, militärisch bedroht und überfallen wird. Das war eine der Lehren, die wir aus unserer Geschichte als Verfolgte gezogen haben«, erklärt Esther Bejarano.
Doch auch der Neuanfang in Hamburg war nicht einfach: »Bei jedem, dem ich begegnete, habe ich gedacht:: :Was hat der wohl im Krieg gemacht? Hat der meine Eltern erschossen?9« Esther Bejarano gesteht: »Ich konnte viele Jahre nicht über meine Erlebnisse reden, wollte einfach verdrängen.« Das sollte sich 1978 ändern:
Die NPD baute einen Infostand direkt vor ihrer Boutique in Eimsbüttel auf. »Ich beobachtete, dass diese Faschisten von der Polizei vor Leuten geschützt wurden, die dagegen demonstrieren wollten«, erinnert sie sich. »Ich lief zu einem Polizisten, packte ihn am Revers und schrie ihn an: :Wissen Sie eigentlich, was Sie da tun? Wissen Sie, wer diese Leute sind?9 Der ging gar nicht darauf ein, sondern drohte mir, mich festnehmen zu lassen. :Damit machen Sie mir keine Angst9, antwortete ich. :Ich war in Auschwitz, und das war schlimmer.9«
An diesem Tag wurde die Politikerin Esther Bejarano geboren. Sie trat in die VVN ein und gründete 1986 mit anderen Shoa-Überlebenden das Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik.
Sie solle außerhalb des Lagers auf die mörderische Lage der Häftlinge aufmerksam machen, hatten die Mitinsassinnen ihr in Auschwitz mit auf den Weg gegeben, als sie das Lager verließ. Diese Aufforderung nimmt Esther Bejarano bis heute sehr ernst. Trotz ihres hohen Alters hält sie noch immer Reden auf antifaschistischen Gedenkveranstaltungen und Kundgebungen und ist Stammgast in zahlreichen Schulen, um als Zeitzeugin Jugendliche über die Schrecken des Faschismus aufzuklären. Mit diesem authentischen Geschichtsunterricht leistet sie einen unschätzbaren Beitrag für die politische Bildung der Jugendlichen in Hamburg und weit über die Hansestadt hinaus.
Mit ihren Kindern Edna und Joram gründete sie die Gruppe Coincidence (Zufall) und engagierte sich u.a. Anfang der 80er Jahre bei den Künstlern für den Frieden. Damals trat sie als erste jüdische Künstlerin öffentlich mit einem palästinensischen Kollegen auf.

Unsere Autorin schreibt an der Biografie von Esther Bejarano, die voraussichtlich zum Tag der Befreiung, dem 8. Mai, erscheint.

Von Birgit Gärtner

Quelle: Neues Deutschland



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Kommentare
Geschrieben von patricia liedel am 01.05.2009 um 11.00 Uhr:
Ich habe Esther und Nissim 1988 in HH kennengelernt.

Und ich bin froh um jeden Tag mit Ihnen, der Erinnerung und der VVN. Und Nissim hat mir viel gegeben, wie ein Vater. Ich denke noch jede Woche an Ihn.
Gestern kam meine Tochter von einem Ausflug nach Ravensbrück zurück,wir sind vor 7Jahren nach Garlitz,M-V, gezogen. Ich musste nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen einfach Ruhe haben- und ziehe also aufs Dorf. Bei Lübtheen. Und darf wieder gegen Rechts-wer wohnt hier? Pastörs-und Rieger geht hier ein und aus. Hört das nie auf? Aber ich habe gelernt- und kämpfe heute mit meinen Töchtern!!!
 

Geschrieben von patricia liedel am 01.05.2009 um 11.02 Uhr:
Ich habe Esther und Nissim 1988 in HH kennengelernt.

Und ich bin froh um jeden Tag mit Ihnen, der Erinnerung und der VVN. Und Nissim hat mir viel gegeben, wie ein Vater. Ich denke noch jede Woche an Ihn.
Gestern kam meine Tochter von einem Ausflug nach Ravensbrück zurück,wir sind vor 7Jahren nach Garlitz,M-V, gezogen. Ich musste nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen einfach Ruhe haben- und ziehe also aufs Dorf. Bei Lübtheen. Und darf wieder gegen Rechts-wer wohnt hier? Pastörs-und Rieger geht hier ein und aus. Hört das nie auf? Aber ich habe gelernt- und kämpfe heute mit meinen Töchtern!!!
 

 

 


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