| |
| 12.03.2004 - 'Die Neonazis sind straff organisiert' |
| Geschrieben von: 23 |
| Kategorie: |
Faschismus und Rassismus |
Interview
"Die Neonazis sind straff organisiert"
Gestern wurde in Berlin die Dokumentation "Braune Kameradschaften Die neuen Netzwerke der militanten Neonazis" vorgestellt. Herausgeber sind Andreas Speit und Andrea Röpke. Von ihr stammt das München-Kapitel über die Kameradschaft Süd.
Interview: Elisabeth Höfl-Hielscher
SZ: Seit dem spektakulären Sprengstofffund betonen die Ermittler, Wiese sei nur der Anführer einer kleinen, isolierten Gruppe gewesen. Sind Sie da anderer Meinung?
Andrea Röpke: Ja. Wir sind, als wir vor Jahren begannen, die Aktivitäten des Aktionsbüros Nord in Hamburg zu beobachten, sehr bald auf die Kameradschaft Süd gestoßen. Es gab und gibt personelle Kontakte und wechselseitige Unterstützung, wobei die seit Januar verbotene Fränkische Aktionsfront (FAF) als Bindeglied diente.
SZ: Kontakte ergeben sich schon durch gemeinsame Demonstrationen. Überbewerten Sie die nicht?
Röpke: Nein. Wir haben festgestellt, dass es zwischen Norddeutschland und dem Süden einen regen Austausch über Strategien gab und gibt. Mit unseren Recherchen wollen wir darauf aufmerksam machen, dass die Kameradschaft Süd wie die FAF dem Aktionsbündnis angehört, einem Zusammenschluss von mehr als 160 nationalen Kameradschaften. Sie ist Teil eines straff organisierten, gewaltbereiten Neonazi-Netzwerkes.
SZ: Davon hätte der Verfassungsschutz doch etwas mitbekommen müssen?
Röpke: Tatsache ist, dass unbemerkt von der Öffentlichkeit und vor den Augen der Verfassungsschützer amtsbekannte Neonazis wie Christian Worch und Thomas Wulff aus Hamburg ein bundesweit agierendes, so genanntes führerloses Netzwerk aufbauen konnten, das aber klare Führerstrukturen besitzt.
In diesem Spektrum wird der Besitz von Sprengstoff und Waffen nicht abgelehnt. Unverständlicherweise wird nach wie vor der gefährliche Netzwerk-Charakter ignoriert. Auch die Gerichte halten an der Einzeltäter-These fest: Ein Zeichen dafür ist aktuell der Ausgang des Prozesses gegen die Sprengstoff-Beschaffer der Kameradschaft Süd vor dem Landgericht in Neuruppin.
Ohne Bezugnahme darauf, dass die Generalbundesanwaltschaft diese als terroristische Vereinigung einstuft und unabhängig von den Münchner Ermittlungen sind Wieses Komplizen zu milden Bewährungsstrafen verurteilt worden. Ebenso dubios war der Prozess gegen einen Neonazi aus dem Umfeld der Kameradschaft Süd, bei dem bereits im Juli 2003 Sprengsätze gefunden wurden. Die politischen Hintergründe blieben ungeklärt, die Strafe fiel milde aus.
SZ: Die Richter haben wohl die Unreife der Angeklagten berücksichtigt. Sie schreiben ja selber, dass die Kameradschaften immer jünger werden.
Röpke: Das macht sie nicht harmloser. Es ist Teil der Kameradschaftsstrategie, die Anhänger gezielt schon an Schulen und Freizeittreffs zu rekrutieren. Dabei verwenden sie linke Parolen und Symbole wie Palästinensertücher oder Che-Guevara-T-Shirts. Beunruhigend ist, dass der Mädchenanteil stark steigt, auch bei den militanten Gruppen.
SZ: Die Behörden haben wiederholt erklärt, nun energisch gegen die Neonazis vorgehen zu wollen.
Röpke: Ja, sie handeln und erwecken den Eindruck, als wäre mit Verboten alles getan das ist falsch. Dringend nötig ist eine umfassendere Aufklärung. So weiß kaum einer, dass die Kameradschaft Süd um Wiese jede Woche militärische Wehrsport-Übungen in den Wäldern um München und an der tschechischen Grenze abgehalten hat.
Auch dass die Pistole, die schon im Jahr 2000 bei der Gewalttat gegen eine 15-Jährige eine Rolle spielte, Wiese gehörte, teilte die Polizei nicht mit. Und niemand hat bisher beim Kreisverwaltungsreferat nachgefragt, warum man dort Wiese immer wieder als Verhandlungspartner vor geplanten Neonazi-Demonstranten akzeptiert hat. Vielleicht kann unser Buch da etwas anstoßen.
Quelle:http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/314/28286/
|
| Dieser Artikel wurde
2807 mal gelesen. |
| |
|
|
|
|
 |