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10.11.2004 - Der Atomstaat tötet - Zug überrollt Castor-Gegner
Geschrieben von: 23
Kategorie: Castor/AKW

Bericht und Bilder von Indymedia:

Mit großer Verspätung beginnen Menschen Sébastien Briat beim Namen zu nennen. Der 21-Jährige Castorgegner verlor gestern sein Leben, als er am Km. 408 der Bahntrasse, auf der sich um 14,43 Uhr des 7. November der hochgefährliche und falsch deklarierte Castor-Transport vom französischen Valognes (Manche) bei La Hague nach Gorleben bewegte, beim Auffahren des Zuges nicht mehr rechtzeitig die Schienen verlassen konnte.

Sébastien wollte zusammen mit sieben Mitstreitern den Zug blockieren. Eine ähnliche Aktion des zivilen Ungehorsams war 14 weiteren Transportgegnern am Vormittag in Laneuville-Devant-Nancy gelungen. Die französische Tageszeitung Libération zitiert einen 26-jährigen Teilnehmer. Dieser erklärt, dass jeder einzelne von ihnen über den Ablauf der Aktion gebrieft worden war. Mitstreiter hätten die Aufgabe gehabt, einen Kilometer vor der Blockade auf selbige hinzuweisen. Der Zug stoppte rechtzeitig. Nach Angaben des Aktivisten befand sich die Blockade auf einer geraden Strecke der Bahnlinie. Sie konnten deutlich sehen, wie der Zug zum stehen kam. " Wir haben es geschafft, den Zug über zweieinhalbe Stunden aufzuhalten. Wir waren überglücklich".

Laut Libération kannten sich die Angehörigen der beiden Gruppen nicht. Ob die zweite Gruppe, der Sèbastien angehörte, von der erfolgreichen Aktion bei Nancy wusste, geht aus dem Artikel nicht hervor. Die Blockadetechnik war allerdings ähnlich angelegt. Unter den Schienen lagen Rohre, die zum Anketten dienen sollten. Nach Angaben des Aktivisten, der an der Blockade bei Laneuville-Devant-Nancy beteiligt war, begab sich seine Gruppe dann zum Gleis, als der Hubschrauber, der den Transport begleitete, sie entdeckt hatte. Nun heißt es, im Fall der zweiten Blockade, bei der Sébastien starb, sei der Helikopter gerade zum Tanken geflogen - ersatzlos. Dem ersten von zwei Motorradpolizisten, die auf einem Feldweg entlang der Gleise dem Castor-Transport voraus gefahren sein sollen, sollen Sébastien und seine MitstreiterInnen nicht aufgefallen sein, so mehrere französische Blätter, darunter die Webausgabe der lothringischen Tageszeitung " L´ Est républicain". Dort heißt es, dass die Aktivisten, die sich im Wald versteckt hatten, versucht haben sollen, nach dem Passieren des ersten Motorradgendarmen die Blockade aufzustellen. Der zweite soll sie wahrgenommen haben, aber zu spät. Er soll seine Sirene aktiviert und den Transportgegnern zugerufen haben, sich vom Gleis zu entfernen. Offenbar schafften es auch die drei, die sich zusammen mit Sébastien anketten wollten nur knapp, sich in Sicherheit zu bringen. Sébastien schaffte es nicht.

Der zeitliche Abstand zwischen den beiden Motorradgendarmen soll drei Minuten betragen haben. Die Zeit, um die Gleise zu erreichen und sich anzuketten muss demnach sehr kurz gewesen sein. Ausgehend von einer Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern, was den Aussagen von zahlreichen Aktivisten widerspricht, nach denen der Zug mit geschätzten 100 Stundenkilometern unterwegs war, kalkulierte ein Vertreter der französischen Bahngesellschaft SNCF für den 660 Meter langen Zug einen Bremsweg von 600 Metern. Es heißt, dass der Lokführer keine Chance hatte, früher zu bremsen, weil die Blockade hinter einer Kurve lag, so dass die Menschen auf den Gleisen völlig unvermittelt in sein Blickfeld gerieten. Angeblich betrug die Sichtweite des Lokführers 200 Meter. Gilbert Poirot von den Anti-Castor Brigaden und elsässischer Sprecher des Netzwerks "Initiatives citoyennes européennes contre le nucléaire" (Europäische Bürgerinitiativen gegen Atomkraft) scheint nicht auszuschließen, dass bei der Durchführung der Aktion ein Fehler unterlaufen ist: "Vor dem Blockieren eines Zuges machen die Aktivisten mit Hilfe einer Taschenlampe auf sich aufmerksam. Und man lässt es sein, wenn man sieht, dass das nicht geht. Die Aktivisten müssen einen Abschnitt der Sicherheitsverkehrungen vergessen haben", sagte Poirot Libération. Poirot, der auch Mitorganisator zahlreicher Blockadetrainigs war, hatte sich gestern zur Unglücksstelle begeben. Michel Marie, Mitglied der ständigen Vertretung des Collectif national contre l'Enfouissement des Déchets Radioactifs (CEDRA), (Nationales Kollektiv gegen die unterirdische Lagerung radioaktiven Abfalls) fragt sich, ob sich Sébastiens Fuß irgendwie eingeklemmt haben könnte. Dem Webmagazin "infodujour" sagte er allerdings auch, er sei "tief geschockt durch dieses Ereignis, das trotz der Warnung der Kollektive, dafür zu sorgen, dass die Aktion den elementaren Sicherheitsregeln Rechnung trägt, eingetreten ist". Diese Gedanken tun der Tatsache keinen Abbruch, dass die Castor Transporte systematisch unter fahrlässiges in Kauf nehmen von allen möglichen Unfällen stattfinden. Der Helikopter flog ersatzlos zum Tanken und ganze zwei Gendarmen fuhren die Strecke im Vorfeld des Zuges ab, obwohl in der Vergangenheit in der Region bereits Blockaden stattgefunden hatten und der Zug fuhr offenbar bei hoher Geschwindigkeit um die Kurve.

Sèbastien ist nicht mehr unter uns, er verblutete aufgrund des durch die Räder des Konvois abgetrennten Beins. Die letzten Augenblicke seines Lebens müssen schrecklich gewesen sein. Seine Mitstreiter stehen immer noch unter Schock, was die Staatsanwaltschaft nicht daran hinderte, sie zu befragen. Die Trauer unter den Atomkraft- und Castorgegnern ist groß, ihr stets ignorierter Hinweis auf die Sicherheitsrisiken bei der Verfrachtung radioaktiven Mülls hat sich auf bittere Weise bestätigt. Laut Michel Marie ist "Die Sicherheit der Anrainer nicht gewährleistet, wie man erwarten könnte. Das ist das traurige Fazit, das aus diesem Unfall gezogen werden kann, der sich selbst nach den schlimmsten Szenarien des Transportbetreibers nie hätte ereignen können".


Sébastien, noch angekettet, am Gleis


Der Feldweg, einige Km vor Avricourt 11.11.03

Sébastien Briat(Unten)


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Bild 1: 1. Bild von Der Atomstaat tötet - Zug überrollt Castor-Gegner
 
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Kommentare
Geschrieben von king][nothing am 13.11.2004 um Uhr:
Telepolis hat folgende Erklärung erhalten und dokumentiert sie
ungekürzt in deutscher Übersetzung:

Erklärung der Gruppe.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18799/s1.html

> Erklärung der Gruppe

Am 7. November 2004 starb Sébastien, als ihn die Lokomotive des
Atommüllzugs nach Gorleben erfasste. Einige Wochen zuvor hatte er sich
mit anderen von uns zum Handeln entschieden, um die Angreifbarkeit dieser
Transporte publik zu machen. Die Tatsache, dass er tot ist, sollte nicht
vergessen lassen, dass diese Aktion gewaltfrei, überlegt und freiwillig
war.

Auch wenn dieses Drama es so erscheinen lässt, war unsere Tat keinesfalls
unverantwortlich, bzw. ein Akt der Verzweiflung. Unser Engagement ist das
Ergebnis tiefster Überzeugung reeller und bestehender Gefahren, welche die
Atomkraft schon viel zu langedarstellt. Diese Aktion war gemeinsam
genauestens vorbereitet: genaue Ortskenntnisse und die Berücksichtigung
eines Notfallsstopps.

Wir hatten mehrfach die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass der Zug
nicht anhalten könnte. Da wir uns in einer langgezogenen Kurve mit
eingeschränkter Sicht befanden, war uns klar, dass wir notfalls die Gleise
sehr schnell verlassen müssten. Wir lagen zu viert neben den Schienen, da
wir zwei Rohre unter den Gleisen platziert hatten. Niemand lag zwischen
den Schienen, um notfalls schnell wegzukommen. Wir waren nicht angekettet
und hatten so die Möglichkeit schnell den Arm aus dem
Rohr zu ziehen.

Leider konnte die Gruppe, die den Zug 1500m vorher zum Bremsen bringen
sollte, nicht handeln. Der Hubschrauber, der ständig dem Zug vorausfliegt,
fehlte. Er war "Tanken"; aber die Gruppe rechnete damit, dass er die
Ankunft des Zuges signalisieren würde. Da neben dem Zug Fahrzeuge der
Gendarmerie mit hoher Geschwindigkeit fuhren, konnte die Stoppergruppe
nicht handeln. Der Transport konnte also weder vom Hubschrauber, noch von
den Stoppern gewarnt werden und kam so mit 100km/h auf uns zu. Diese
Verkettung von Umständen brachte uns in Gefahr. So hatten die Personen,
die an den Gleisen lagen, sehr wenig Zeit festzustellen, dass der Zug
seine Geschwindigkeit nicht verringerte. Wir hatten es geübt
sekundenschnell wegzukommen.

Sébastien wurde dabei erfasst, als er die Gleise verließ. Sein Armsteckte
nicht in dem Rohr fest, wie die durchzuführenden Untersuchungen
beweisen werden. Es ging alles so schnell, dass wir ihm nicht helfen
konnten.

Wir waren in der Kälte zehn Stunden lang etwa 30 m von den Gleisen
entfernt am Waldrand versteckt. In dieser Zeit wurden weder wir, noch die
Vorposten zur Benachrichtigung (15 Kilometer entfernt vom Ort der Aktion),
noch die Gruppe von den Sicherheitskräften entdeckt, die den Zug stoppen
sollte. Wir wurden auch nicht entdeckt, als wir im Vorfeldum fünf Uhr
morgens die Rohre unter die Schienen legten. Es ist klar, die
Verantwortung jedes Beteiligten muss festgestellt werden, unsere
einbegriffen. Zur Stunde erleben wir einen der schlimmsten Augenblicke
unseres Lebens.

Neben vielen bekannten Gründen für die Aktion, ging es uns in erster
Linie der Schutz unseres Planeten, der Jahr für Jahr mehr zerstört wird.
Es ging uns aber auch um die Ablehnung jeder Infragestellung dieses
monolithischen Staats. Wir haben nicht aus Unreife oder Abenteuerlust
versucht den Zug zu stoppen, sondern weil die Atompolitik dieses Landes
nur so zu einer elementaren Frage werden kann. Sébastien
ist durch einen Unfall gestorben, er hat es sich nicht ausgesucht, niemand
wollte es. Er starb nicht nach einem Discobesuch betrunken am Steuer,
sondern um seiner Überzeugung Gehör zu verschaffen.

Sein Tod wird deshalb für uns nie ein beliebiges Vorkommnis sein. In der
Situation, in der wir derart verlassen und verloren waren, hätten wir uns
nie vorgestellt so viel Unterstützung zu bekommen. Wir danken vor allem
unseren Freunden und Eltern, vielen Initiativen, aber auch Tausenden
anonymen Deutschen und Franzosen, die in seinem Andenken Demonstrationen
und Andachten organisierten. Die Stärke der Solidarität
überwältigt und berührt uns. Das Wichtigste ist für uns, einen Bruder
zu beweinen und seine Familie zu unterstützen, nicht sein Bild zu
instrumentalisieren. "Bichon" war voller Lebensfreude und -energie, nicht
nur Atomkraftgegner. Dieser Text ist weder eine Beichte noch eine
Anschuldigung, wir wollen dadurch nur die Wahrheit dieser Ereignisse
wiedergeben.

Seine Weggefährtinnen und Weggefährten
 

 

 


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